Montag, 15. August 2011

Meine Stadt (Auszug aus meinem Tagebuch, 28.05.2011)

Komm mit mir.
Ich zeige dir meine Stadt.

Komm mit mir, ich zeige dir den Weg, den ich gehe, gehen muss, jeden Tag. Wenn es egal ist, ob ich will oder nicht. Ich zeige dir den Weg zur Stadt, zu meinem Haus und wieder zurück. Und vielleicht findest du irgendwo unterwegs irgendetwas. Das schön ist, oder auch nicht, aber anders.

Komm mit mir, ich zeige dir die Laterne, an der ich geweint habe, am letzten Tag davor. Ich zeige dir auch die Klinik, die danach war. Die sieben Monate war. Ein halbes Jahr. Ist viel zu lange in Gefangenschaft. Und doch musste ich. Und wollte ich, bevor ich wusste, was das bedeutet.

Komm mit mir, ich zeige dir das Bächlein, das da vorbei lief, an unserem früheren Haus. Als wir noch alle zusammen lebten. Und trotzdem schon manchmal jeder für sich war. Ich zeige dir dieses Bächlein, an dem ich oft war, als Kind. Dem ich all meine Sorgen erzählt habe, und gehofft habe, sie würden fortschwimmen und nie wiederkehren. Und zeige dir das Haus. Da, siehst du, da habe ich gewohnt. Da, das Haus, das mit dem Vorgarten und den schönen Balkons, das gelbe mit den roten Fenstern. Und der geschlossenen Tür, dort hinter dem Zaun.

Komm mit mir und ich zeige dir die Straße, die ich nachts so oft gegangen bin, gerannt bin, manchmal, vor Angst, mich umzudrehen. Aus Angst, die glasigen Augen hinter mir nicht zu vergessen. Die Straße zwischen den zwei Zuhause. Und Zuhause hat gar keinen Plural, weil die meisten nur eins haben, und manche gar keins. Aber dieser Weg, der lag wie ich irgendwo dazwischen. Bis ich merkte, das eins von beiden gar kein Zuhause war. Nur das Haus eines Säufers. Und dann bin ich den Weg nie wieder gegangen.

Komm mit mir, ich zeige dir auch den Brunnen, in dem die Sonne liegt, und die Märchenfiguren. Und die Wiese rundherum, wenn es Sommer ist. Gleich neben dem Fluss, in dem das Bächlein endet. Und sie dort liegen, am Wasser, das gar keinen Strand hat. Und wo sie trotzdem alle liegen, im Bikini. Und manche baden sogar in dem Fluss, der auch auf dem Schild am Bahnhof steht. Der in Klammern steht und über den Lieder gesungen werden, die man in der Grundschule lernt. Gleich nach den Regeln im Straßenverkehr.

Komm mit mir, ich zeige dir die Gasse mit den vielen Cafés. Die gekrümmt ist, und im Sommer ganz eng, weil sie voll ist, von den Stühlen zum Draußensitzen. In der ich manchmal Abends bin, um zu tanzen oder zu reden, oder zu lachen oder um nicht allein zu sein. Und manchmal rede ich über Sachen, die ich sofort wieder vergesse, weil sie egal sind, aber besser als schweigen. Oder ist das meistens? 
Und manchmal lache ich und meine es sogar ernst.

Komm mit mir, ich zeige dir den Platz am Fenster in der Bahn, auf dem ich saß, an jenem Tag. Als die Fenster beschlagen waren und ich schreiben wollte. Und mich nicht getraut habe. Und so blieben die Worte gefangen in meinem Kopf.  Be my friend, hold me. Wrap me up, unfold me.
Und wenn ich sie wieder höre, denke ich an all die Tränen, die ich vergossen habe, verloren habe, irgendwo unterwegs in dieser Stadt. Die alle gesehen haben, und alle geschwiegen haben, und weggeschaut.

Komm mit mir und ich zeige dir die Blumen, die daraus gewachsen sind. 

Komm mit mir, ich zeige dir all die Blicke, die ich aushalten muss, Tag für Tag. Ich zeige dir die Spiegel, denen man nicht ausweichen kann, weil sie überall sind. Ich zeige dir, dass diese Stadt voller Spiegel ist. 

Komm mit mir, ich zeige dir dieses eine Café, in dem ich angefangen habe zu weinen. Zu weinen und weinen, weil ich nicht essen konnte. Weil ich nicht essen konnte, selbst wenn ich es wollte, weil es irgendwann zu spät war und ich machtlos. Und in mir selber gefangen war. Als ich irgendwann nicht mehr hinauskam und nicht mehr weiter. Und es mir auf einmal nicht mehr egal war. Als ich wusste, dass ich sonst sterben würde. Und als ich das auf einmal nicht mehr wollte. Als ich auf einmal Angst hatte vor dem Tod. Und vor mir selber.

Komm mit mir, ich zeige dir die Schule, in die ich gegangen bin, davor und danach und währenddessen. In der ich fast verhungert bin. Denn das Sterben, das beginnt schon viel früher, als die Menschen glauben. Und als sie es bemerken. Denn das beginnt schon, wenn die Temperatur  auf einmal nur noch bei 35°C liegt, wenn man die Rippen im Spiegel zählt, wenn man morgens nicht aufstehen kann, ohne das einem schwindelig wird. Wenn man ununterbrochen Krämpfe hat, und weiß, dass auch die Magnesiumtabletten, die Vitamintabletten, die man Tag für Tag nimmt, nicht mehr helfen können. Wenn man nachts wachliegt, wenn man jede Nacht wachliegt und manchmal Sport macht, und manchmal Kuchen bäckt, die man niemals essen wird. Wenn man zählt und wiegt und zählt und zu viel wiegt und zählt und wartet, bis es besser wird.
Wenn man abnimmt, jeden Tag, ohne dünn zu werden.  
Wenn Essen ekelhaft wird. Wenn man nachts aufwacht, weil man von Kuchen geträumt hat. Weil das ein Alptraum war, und man Angst hat, nur Angst, nur Angst. Und zur Waage rennt und zur Küche rennt, um zu sehen, dass der Kuchen noch dort steht, dass alles noch gut ist und der Kuchen unberührt.

Komm mit mir und ich zeige dir die Bücher, die vielen Tagebücher und die Bilder und die Zettel von damals. Auf einem steht 45. Auf dem anderen 44,5. 44,2. 43,7. 44,3. 42,8.
Und ich kann noch heute sagen, wie weh das 44,3 tat. Und wie ich am Morgen von 42,8 kurz gelacht habe. Und glücklich war, so glücklich war. Und dann wieder leer.
Und zur Belohnung in die Stadt laufen, wie jeden Tag. Zur Belohnung 2 Vitamintabletten, wie jeden Tag. Und zur Belohnung nichts zu essen, wie jeden Tag. Weil es damals kein gut gab. Nur erträglich. Und selbst das nicht wirklich. Weil die Tage leerer wurden und leerer und egal.
Es gab damals nur Schmerz und Leere und Zahlen.
42,3. 41,9. 41,8. 41,5. 41,3.  
Bei 40,2 bin ich in die Klinik gegangen.
Heute gibt es keine Zahlen mehr. Aber das Dicksein, das gibt es noch.
Das Hässlichsein, das Sich-schämen, das Zu-viel-Sein, das Nie-genug-sein. Das alles gibt es noch. Aber das ist nicht mehr jeden Tag.

Komm mit mir und ich zeige dir die Bilder aus dem Urlaub. Auf denen ich Kleider trage. Auf denen ich schön bin. Auf denen ich glücklich bin. Die alt sind. Und fast schon nicht mehr wahr.

Komm mit mir, ich zeige dir das Haus, in dem ich jetzt lebe. In dem ich sicher bin. Und manchmal glücklich. Aus dem ich trotzdem weg möchte. Weil ich hier weg möchte.

Komm mit mir.
Und flieh mit mir aus meiner Stadt.

Komm mit mir
nie wieder hier her.

Samstag, 13. August 2011

"Dieses Leben, in dem ich nachts in meinem Bett liege und mich selbst umarme, weil es sonst keiner tut." 
flugunfaehig

Offenheit

Vertrauen schafft Nähe, sagt man. Und den Menschen, denen man nahe steht, denen man jenes Vertrauen entgegenbringt, denen kann man ja auch am meisten von sich erzählen. Mit denen kann man über die Probleme am besten reden, denen fühlt man sich verbunden. Jedenfalls sagt man das so. Zu denen könnte man offen und ehrlich sein. Und ja, ich bin bewusst in den Konjunktiv gewechselt. Weil ich zu denen, die mir nahe sind und die immer für mich da sind, entgegen aller Logik weder offen noch ehrlich bin. Ganz im Gegenteil.
 
Und würde ich euch, die ihr das lest, persönlich kennen, ich würde euch genauso belügen und etwas vorspielen, wie all den anderen. Ihr würdet eine glückliche, selbstbewusste Frau erleben. Die oft Witze macht, viel lacht und selten pünktlich kommt, aber immer mit einem Lächeln auf dem Lippen. Die etwas hyperaktiv wirkt, und oft euphorisch. Die dann manchmal plötzlich unglaublich müde ist, sicher, aber das würde euch kaum auffallen. Ihr würdet nicht wissen, dass ich zu spät komme, weil ich wieder unvermittelt angefangen habe, zu weinen und das Zeit braucht, das alles wieder zu kaschieren. Ihr würdet nicht wissen, dass ich, sobald ich allein bin, hemmungslos losheule. Dass das auch unterwegs passiert, auf Zug- und Restauranttoiletten. Ihr würdet euch vielleicht wundern, warum ich immer meine Tasche mitnehme, wenn ich auf Toilette gehe.

Würdet mich vielleicht für eitel und oberflächlich halten, weil ich mich nicht ohne Makeup aus dem Haus traue. Und weil ich manchmal Ewigkeiten brauche, um etwas zum Anziehen zu finden, in dem ich mich zwar immernoch schäme, aber nicht mehr so sehr. In dem ich mich in die Welt hinaustraue. Mit viel Musik und großer Anstrengung. In dem ich mich zwar immernoch häßlich und widerlich fühle, aber ich muss ja meine sichere Wohnung verlassen. Ich habe ja keine Wahl.

Ihr würdet nicht wissen, dass ich manchmal zu sehr geschminkt bin, nicht weil ich es schön finde, sondern weil ich es an manchen Tagen nicht ertrage, mich in meinem Gesicht zu erkennen. Dass ich morgens viel Zeit brauche, um doch nicht wirklich wach zu werden. Dass ich aufstehe, und schon keine Kraft mehr habe und es lange dauert, bis mein immer müderes Gesicht nicht mehr so leer aussieht, wie ich bin. 
 
Ihr würdet weder wissen noch erahnen können, wie anstrengend jedes Lachen ist. Ihr würdet mich für glücklich halten. Ja, ihr würdet es nicht merken.
 
Denn den Menschen, denen ich nahe bin, zu denen kann ich nicht ehrlich sein. Und wenn ich erzähle, es doch einmal versuche, zu erzählen, wie es mir geht, dann sind ihre Blicke so unerträglich schwer. Ich kann es nicht ertragen, dass sie dann ebenso unglücklich aussehen, wie ich bin. Dann rede ich nicht weiter, kann nicht weiter reden. Und dann beginnt wieder das Lächeln, und dass ja alles gar nicht so schlimm und bestimmt bald besser ist. 

Dann rede ich von Hoffnung, die ich nicht habe.
 
Ich kann nicht mehr reden, mit Menschen, die mir wichtig sind. Und es werden weniger. Einer der vielen Gründe, warum ich diesen Blog schreibe, ist, weil ich nicht anders als schreiben kann. Weil ich es brauche, das alles irgendwohin loszuwerden. Ein anderer ist, dass ich hier ehrlich bin. Diese Anonymität gibt mir eine Offenheit, die ich im echten Leben verlernt habe.


Freitag, 12. August 2011

Donnerstag, 11. August 2011

Mittwoch, 10. August 2011

kann nicht schlafen
nicht mehr schlafen
nicht seit Tagen

und habe doch
kraftlos deine Hand
nicht mehr halten können
sagst du trotzdem für immer

mit mir, also
allein

Sonntag, 7. August 2011

Nachtangst

die Beine umklammert
dein Atem im Rücken
die Worte so sanft
kann nicht lächeln
und zitter dir
Angst in die Leere
flüsterst leise
doch ich bleibe
bebend vor Furcht 
in deinen ratlosen Armen

Samstag, 6. August 2011

Mit dir und ohne mich.

Wir gehen nebeneinander und ich sehe deine Lippen sich bewegen. Und deine Hände bei jedem Schritt so zielstrebig. Folgen deinen Beinen und dein Gang sieht so kraftvoll aus. Und ohne jede Mühe kannst du das, aufrecht gehen, nicht hinfallen, nicht zurückblicken. Es sieht ganz leicht aus und ich, ich mühe mich ja doch so sehr. Mir fehlt das, diese Energie, wo immer du sie hernimmst. Ich will nicht deine Hand und nicht deine Worte. Ich will nur deine Beine mir borgen, um das gehen zu lernen. Das Aufstehen, ohne Kampf. Einen Tag, der nicht anstrengend sondern schön ist. Dein Lächeln, dein Lachen, dass ich fast schon verabscheue, weil es so glücklich ist und so laut, wie ich niemals sein könnte. Und du redest irgendetwas, denn ich sehe deinen Mund Seifenblasenluftschlösser spucken. Und kann nichts hören. Denn irgendwann muss ich wohl verbittert geworden sein, fürchte ich. Denn ich kann gar keine Luftschlösser mehr bauen. Oder sehen. Kann nicht träumen, außer nachts und das sind furchtbare Träume. 

Und dann wache ich auf und muss meine Beine abtasten, um sicherzugehen, dass es sie noch gibt. Und schalte das Licht an, vor Schreck und Angst. Und zähle meine Zehennägel, die ja doch niemand ausgerissen hat. Und schaue in den Spiegel und bin überrascht, denn ich bin tatsächlich noch da. Ich sehe noch ein bisschen blasser aus und noch viel müder. Ich sehe grau aus, aber da ist wirklich kein Loch nirgends zu sehen. Ich bin vollzählig, also allein. 

Und du läufst neben mir. Kling, klang, du und ich nicht. Und du redest und redest und manchmal taucht da ein "wir" in deinen Sätzen auf, dass es so nicht mehr gibt. Die Dunkelheit um mich herum ist so viel näher als du es bist. Die Ewigkeit zwischen dir und mir. Ich kann nicht mehr. Da ist diese Müdigkeit, die kein Schlaf beenden kann. Diese Immermüdigkeit, die macht, dass ich nicht aufstehen kann, dass ich nicht so aufrecht gehen kann, wie du. Da ist dieser Berg aus Schuld und Trauer, der auf meinen Schultern liegt, und den niemand mir abnehmen, ja, niemand auch nur sehen kann. Und ich gehe gebeugt und an manchen Tagen auch gar nicht vor Kraftlosigkeit. Denn ich habe gekämpft, schon so lange, weil ich musste. Ich habe gekämpft und das jeden Tag. Und immer verloren. Mich, das Glück, dich. Ich habe mich ganz ausgehöhlt und bin nun leer.  Ziehe meine Arme an den Seilen hoch, lass mich tanzen, bis ich wieder zusammenbreche. Ich will nicht deine Hand. Ich will nicht deine Nähe. Ich will wieder stehen können. Nicht mehr kämpfen müssen. Denn ich kann nicht mehr. 

Und liege nachts wach. Und denke manchmal, dass das vielleicht sogar besser ist. Denn ich fürchte mich vor den Träumen, die kommen, wenn ich schlafe. Und dann wache ich auf, Nacht für Nacht, bei jedem der Schrecken. Das ist anstrengend und macht mich manchmal noch müder als nicht zu schlafen. Denn ich habe Angst. So viel Angst in mir, ich weiß schon gar nicht mehr, wo die herkommt. 

Und wir gehen die Straßen immer weiter, als ob es etwas gäbe, was auf uns warten würde. Während du redest, als ob es mich interessieren würde. Und ich schweige und lache manchmal. Und das ist so anstrengend und falsch. Das kostet mich all die Kraft, die ich nicht habe. Während meine Schritte ohne Klang im Boden versickern. Kann ich die Sterne schon nicht mehr von den Laternen unterscheiden. Es ist nur dieses Schweigen, was da zwischen uns liegt, weil keines deiner Worte mich berührt. Nur dieses Schweigen, was die Nacht so dunkel macht. Ich würde gerne irgendwo hingehören. Und suche und finde nichts als die Angst. Wovor? Kann nicht sehen. Kann nicht sagen.

Und ich schweige und schweige und manchmal taucht da ein "ich" in meiner Stille auf, dass es so nicht mehr gibt. 

Donnerstag, 28. Juli 2011

Zwischenweltendasein

Ich kann nicht schlafen. Das ist eigentlich nichts Neues. 
Ich kann nicht schlafen.

Seit Tagen nicht, und meine Augenringe werden tiefer, meine Lippen blasser, ich brauche mehr und mehr Farbe, um mich aus dem Haus zu trauen. Das tue ich weder oft noch gerne. Denn in die Augen anderer Menschen zu sehen, das ist fast so schlimm, wie in den Spiegel zu sehen. Die Schaufenster, die Pfützen, so viele Glasflächen- und alle Spiegeln. Und man sieht mir die Müdigkeit so sehr an und die Trauer, die Tränen. Die Tränen, die ich nicht weine. Die ich nicht mehr habe. Die Trauer, die ich nicht fühle. Und doch tut es weh. Und doch kostet es Kraft. Und doch ist es so furchtbar anstrengend. Das alles. Ich will nicht. Ich will schlafen. Nur schlafen und nicht aufwachen müssen. Wegrennen, ohne zurückkommen zu müssen. Irgendwann wieder aufrecht gehen können. Lachen können. 

Nicht diese Art von Lachen, die so entsetzlich viel Kraft kostet. Nicht dieses Lachen, von dem meine Mundwinkel schon ganz ausgefranst sind. Nein, nicht dieses Lachen. Lachen, das nicht weh tut. Das ehrlich ist und von Herzen kommt. Wo ist mein Herz? Ich kann nicht finden. Kann nicht suchen, denn der Weg ist zu weit. Und in mir ist es kalt, so kalt, ich halt sie nicht aus, diese Gletscher. Der Weg ist zu weit. Kann nicht finden. Nur das Nichts, und es höhlt mich aus. Kann nicht mehr. Kann nicht gehen, aber muss. Es muss gehen. 

Und wieder der Versuch. Und wieder ein Tag. An den ich nicht glaube und der schon verloren ist. Wie diese Nacht. Und die davor. Und davor und jede Nacht. Jede Nacht. Und jede Stunde der Blick auf die Uhr. Wann hört das auf? Wann fing das an? Wann geht die Angst? Wann kommt der Schlaf? Warum? Warum darf ich nicht schlafen, warum? Es macht mich kaputt. Es bricht meine Beine. Kann nicht gehen. Es muss gehen. Wie geht es? Nicht weiter.

Traumlos. Wortlos. Angstvoll. Alptraum. Haltlos. Dunkel. Fang mich auf. Halt mich fest. Lass mich bloß nie wieder los. Lass nicht los. Halt mich fest. Und ich falle. Ohne aufzuschlagen. Wohin? Will ich atmen, bis ich Luftholen kann. Lass mich atmen. Oder ertrinken. Aber eines von beidem. Ich will nicht. Ich bin nicht. Nicht ich, bin dazwischen. Bin verloren. Bin gestrandet, ohne angekommen zu sein. Wo ist das, zuhause? Nicht hier, nicht bei mir, nicht in dieser Stadt. Lass mich frei, ich will rennen, von hier weg und vielleicht auch vor dir. Wie vor jedem, ich will nicht mehr reden.Will schweigen, bis es wieder Worte gibt. Bis es wieder mehr in mir gibt, als die Leere, die nicht der Rede wert, die unbeschreiblich allumfassend mich einlullt in Messerstiche. Die zu Watte werden. Und Schmerz zur Gewohnheit.

Und ich kann nicht schlafen. Und ich kann nicht schlafen. Und liege wach voller Tränen, die ich nicht mehr weinen kann. Die Zeit vergeht grausam. Wann fing das an? Wann hört das auf? Wann hört das auf? Wann? Wann? Wann? Will ich schreien und kann nur flüstern. Ich bin stumm geworden, kann gar nicht mehr reden. Selbst wenn ich wollte, wäre es nun zu spät. Und ich schmeiße Jahre meines Lebens auf den Abfallhaufen, den niemand von meinen Schultern nimmt. Tag für Tag jeder Schritt, jeder Blick auf dem Weg ohne Ziel. Will ich fliehen und komme doch nicht weiter. Und renne und renne, aber immer im Kreis. Kann nicht fort von hier. Und täglich wache ich auf und bin noch immer hier. Warum? Wache ich auf, ohne geschlafen zu haben. Aber Träume, Träume hatte ich mehr als genug. In diesen endlosen Nächten. Wenn das Leben ist, warum hatte ich dann keine Wahl? Wenn das alles ist, was ist dann nichts?

Und dann das immergleiche wiegehtesdir, vielleicht ist das schon der Grund, warum ich mit der Zeit angefangen habe, Menschen zu meiden. Und auch das ist nichts Neues, nicht wirklich, das ist schon drei Jahre so. Oder vier. Das hat angefangen, als ich aufgehört habe, die Jahre zu zählen. Sie zählen zu können. Und irgendwann da, als ich jedes Gefühl verlor. Für Zeit und für mich. Als ich lieblos wurde und fast ebenso liebensunwürdig. Als ich begonnen habe, mich zu hassen und kann nicht mehr aufhören. Und kann doch schon lange wieder essen, kann satt sein und Hunger haben, aber fühlen, das nicht. Aber mich nicht hassen, das nicht. Und damals habe ich mit Leben aufgehört und seitdem nicht wieder angefangen. Und habe mit Sterben begonnen, damals. Aber auch dafür hat meine Kraft nicht gereicht. Kann nicht sterben. Kann nicht leben. Kann nicht schlafen. Und weiß schon gar nicht mehr, was davon ich mir am meisten wünsche. 

Und habe Nächte voller Angst. Was ist, wenn ich nicht glücklich werde? Wenn es damals falsch war, überlebt zu haben? Wenn ich doch nicht leben kann, warum hatte ich dann keine Wahl? Warum würde ich am liebsten aus der Badewanne nicht wieder auftauchen müssen? Warum wünsche ich mir nichts sehnlicher, als den nächsten Tag nicht lebendig zu überstehen? Warum bin ich damals nicht verhungert? Warum habe ich so entsetzliche Angst? Warum tut mein Hals vor Tränen weh, die erst nach Tagen anfangen aber nächtelang sind? Warum ist da diese Leere noch immer? 

Ich weiß, ich weiß. Irgendwann hatte ich die Wahl, irgendwann. Und habe geirrt. Und habe geglaubt, nichts sei schlimmer als der Schmerz. Und habe mein Herz eingefroren. Und Wände gebaut. Ich weiß, ich weiß, damals hatte ich die Wahl. Und habe mich für Taubheit entschieden. Für Taubheit und Eis. Ja, ich weiß. Ich habe geglaubt, es wäre besser so. Warum? Ich würde alles dafür geben, einen Tag zu fühlen. Von morgens bis abends. Ich will raus aus dieser Wertlosigkeit. Und ja, das war gelogen, denn was ich will, das weiß ich ja gar nicht. Denn da ist diese Wand, diese Wand, dieses Weiß, das mich abschottet von mir. Und ich komme nicht durch. Da ist nichts mehr von mir. Da ist nichts. Ich bin leer geworden. Weil ich tatsächlich irgendwann geglaubt habe, das ein Nichts besser ist, als dieser Schmerz. Und hatte die Wahl und habe geirrt. Und habe mich ausgesperrt und bin nun gefangen. Zwischen Gletschern und Selbsthass. Mir ist kalt. Mir ist so kalt.

Und dann die Leere. Und danach Tränen. Und danach die Leere. 
Und hier und da Angst. Und Verzweiflung, und Schmerz und ich weiß nicht mehr, warum. Das liegt in mir verborgen. Und manchmal, da glaube ich ja selber, dass es schon irgendwie geht. Weil es ja muss. Es muss ja. Und geht doch nicht. Und Stille und Stille. Und diese Stille wird Tag für Tag anstrengender, und gelogener. Bis es zusammenbricht. Wenn das Eis zu Tränen schmilzt, die nicht mehr aufhören. Und ich weiß nicht mehr, wozu das gehört. Es kostet so viel Kraft, diese Wände aufrecht zu halten, es ist schwer und kostet mehr als ich habe, kostet Leben, kostet mich. Und ich kann ja doch nicht anders. Und irgendwann früher, da hatte ich eine Wahl. Und ich weiß es. Und habe mich geirrt. Kann nie mehr zurück. Kann niemals mehr fliehen. Und bin Schuld. An mir. Es tut mir leid.

Stille und Verzweiflung. 
Wann fing das an? Wann hört das auf? 
Ich will wieder atmen können, oder ertrinken. Aber eines von beidem.