Sonntag, 29. Mai 2011

Die keinen Tage

Tage wie damals
ein Tag, ein Zettel, eine Zahl

kein Tag
kein Tag ohne
kein Tag mit

allein
und leer

mit Leben
nicht

ohne Leere
nicht

kein Tag
ohne 
nicht

kein Tag
ohne mich

kein Tag
ohne weniger,
ohne mehr
Knochen,
die man sieht

seh ich
mich nicht
hab mein
Gesicht
verloren

und dich.


Freitag, 27. Mai 2011

Schwach und weit weg.

Ich wache auf, weil der Lärm unerträglich ist. Mein Telefon schreit in die Stille. Deine Tränen sind ganz nah bei meinem Ohr. 

Spüre ich deinen leisen Atem auf meiner Haut. Und deine Stimme so zaghaft.  Stockt, wenn die Worte zu schwer wiegen.

Wenn sie im Hals stecken bleiben und dort kratzen und drücken. Und im Mund so groß werden, dass sie ihn ganz ausfüllen. Wenn sie sich in den Rachen legen und auf die Lungen und langsam zudrücken. Wenn man würgt und dann ringt, um Luft. Wenn die Worte so erbarmungslos durch die Adern rinnen und die Dunkelheit im ganzen Körper verteilen. Wenn es Nacht ist und die Worte zäh aus dem Mund tropfen und die Füße an den Boden heften. Wenn sie unter den Zehen kleben bleiben und nur ganz langsam wieder abbröckeln. Wenn man sich vor Verzweiflung die Füße abhacken will, weil es so weh tut. Weil es Nacht ist, und deine Worte in der Stille nachhallen und widerhallen und wieder und wieder. Nie aufhören.

Und deine Tränen sind so nah an meinem Ohr, dass ich fast vergesse, dass die Tropfen auf meiner Wange ja meine Tränen sind.

Und ich halte den Atem an, um sicherzugehen, nicht zu schluchzen. Weil ich stark sein will und für dich. 

Weil ich deine Schulter zum Anlehnen sein will.
Doch diese Schultern sind schmal und kantig und brechen manchmal schon unter meinem eigenen Gewicht zusammen. 

Und ich bin nicht da. Kann dich nicht halten.
Und muss die Hand vor meinen Mund pressen, um das Wimmern zu ersticken, vor dem ich mich fürchte. Damit du nicht hörst, wie schwach ich bin und wie müde. Weil ich doch stark sein will und für dich.

Und ich liege wach und starre in das Nichts über mir. 
In die Dunkelheit, die deine ist und nicht meine. 
Vor der ich dich nicht beschützen kann.

Weil ich nicht da bin.
Weil ich einfach nicht da bin.
Weil ich dich allein lasse, obwohl ich weiß, 
obwohl ich ganz genau weiß, dass man damit nicht allein bleiben sollte.
Weil ich dich allein lasse. 

Weil ich schwach bin. Und du so viel stärker bist, als ich. Und trotzdem weinst.
Und ich bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da, bin nicht da..
Und weiß doch, wie schlimm das ist.
Und lasse dich dennoch allein.

Verzeih mir.

Mittwoch, 25. Mai 2011

"I'm not that ill -
Bad moments come, but they go.
Some days are fine.
Some a little bit harder.
But that doesn't mean
we should give up our dream,
have you ever seen me defeated?"
(Evita)

Der Raum hinter dem eigenen Rücken

Es fängt an, sobald man an jemandem vorbeigeht. Schon höre ich wieder das Tuscheln und das Flüstern und spüre die Fingerzeige in meinem Nacken. Die mir durch die Rippen stechen, manchmal, wenn sie das Herz treffen. Ich verstehe die Worte nicht, das tue ich nie. Aber das Gefühl, das kenne ich nun gut genug.
Die leisen Worte hinter mir. Die erst kommen, wenn ich schon fast vorbei bin, aber noch in Sichtweite. Diese Worte, die ich eigentlich nicht hören will, nicht wissen will, und trotzdem brennen sie sich in meine Seele. Gerade, weil ich sie nicht verstehe, das tue ich nie. Ich verstehe nicht, aber dieses Gefühl bleibt. Wenn man vorbeigeht und sie reden und reden und reden. Und lachen und das ist fast noch schlimmer. Und jedes Geräusch ist ein Vorurteil.
Ich fürchte mich vor diesen Urteilen. Wenn sie sehen und nun glauben zu wissen, was auch immer. Und sie tuscheln und flüstern. Und ich fürchte mich vor jedem Blick, der mich trifft.
Ein Blick, ein Wort, ein Urteil.
Und jeden Tag sind das andere Worte hinter mir. Manchmal bin ich das komische Mädchen, mal das blasse, mal das hässliche, das mit den Wunden im Gesicht, das mit den verquollenen Augen, das mit dem überschminkten Gesicht, die Arrogante, das mit dem Rock, der ihnen nicht gefällt, das mit der vom Winde verwehten Frisur, die Oberflächliche, das Püppchen, das mit dem Tee, die Schlampe, die mit dem Bremenschal, die Tussi.
Immer diese Worte. Und ich fürchte mich.
Ich fürchte mich vor ihren Gedanken, ihren Urteilen. 
Die so endgültig sind und zu früh getroffen werden.
Die mir egal sein sollte und es nicht sind. Weil ich eben doch das schwache Mädchen bin.
Dabei hatte das keiner von ihnen gesagt.

Montag, 23. Mai 2011

Kopf hoch!

Gedanken beiseite
Kopf hoch
Gerade laufen
Immer lächeln
Immer weiter
Nur nicht wieder zurück

Sommer

Sommer
Und überall Licht
Wärme umarmt mich
doch ich friere
innerlich
und lächel dabei
vor Einsamkeit

Sonntag, 22. Mai 2011

Du bist abgereist.

Und dann waren wir noch lange in der Stadt gewesen und haben Cocktails getrunken und getanzt und all die Angst weggelacht,
die nur ich hatte.

Verpasster Anruf.

Und leise in meinem Ohr noch das Klingeln letzter Nacht. Das Telefon an meinem Ohr, als du schon lange aufgelegt hattest. Deine Stimme und kein Ich liebe dich, weil das eben wegfällt, wenn du dich vergessen fühlst. Wenn ich tanzen gehe, weil du weit weg bist, sonst würde ich dich mitnehmen. Weil ich dann lachen kann, obwohl du fehlst. Wenn du traurig bist, weil ich dich nur anrufen will, wenn ich allein bin und nur für dich. Weil ich zu selten anrufe, sagst du, und vielleicht hast du Recht.  
Warum hast du mich nicht angerufen?, fragst du. Warum nicht, ich will doch deine Stimme hören.
Und warum hast du dann nicht angerufen?  
Na, weil ich doch auch unterwegs war.
Und ich verstehe nicht mehr, warum ich dann Schuld bin. Warum es manchmal um Schuld geht. Wenn mich nur Liebe und du interessieren. Manchmal wirst du albern. Dann fragst du, ob ich dich denn nicht vermisst habe. Doch, ich vermisse dich immerzu. Und wenn du auflegst, ist da nur dieses leise dis in meinem Ohr, immer wieder, dieses Er-hat-aufgelegt-Geräusch des Telefons. Ein gleichmäßiger Herzschlag, der mich nicht interessiert. Denn du fehlst. Du fehlst mir. Als könnte ich dich vergessen.  
Ja, aber wenn ich dir auch fehle, sagst du, warum rufst du mich dann nicht einfach an?
Und du siehst gar nicht die Kreise, die wir ziehen und die mir so egal sind. Und mich interessiert nicht, wer anrufen hätte müssen und sollen und wollen gesollt hätte, denn ich will nur deine Stimme. Denn mehr ist unerreichbar.
Und dann fragst du, Anna, fragst du, kommst du zu mir? und erwartest, dass ich lüge. Und bist manchmal traurig, wenn ich nicht mehr antworte, weil du weißt, dass ich will und so gerne. Und dass mich all die Weite zwischen uns mehr verletzt als jedes ungesagte Ich liebe dich. Und weil ich diese Weite nicht eine Sekunde vergessen kann. Auch nicht, wenn du so tun willst mit mir so als ob und dass ich bei dir sein könnte, wenn ich nur wollte. Und ich will ja und bin trotzdem hier und falsch und schweige und lüge nicht, sondern sage Bald, bald.
Und gestern Abend, als ich tanzen war und du nicht oder doch aber weit weg und ich weiß es nicht und du fragst mich Mit wem?. Und bist eifersüchtig, manchmal, weil ich dich nicht angerufen habe, oder verletzt. Und das ist nur manchmal so und an manchen Tagen fragst du nicht und ich weiß nicht, ob das das ist, was man launig nennt, wenn man nicht versuchte, Schubladen zu vermeiden. Und ich nicht weiß, ob es nicht falsch ist, wenn ich denke, dass das doch nicht ernst sein kann, wenn ich dich nicht ernstnehme, manchmal.
Und wenn wir so unterschiedlich sind, so unterschiedlich und uns nie kennengelernt hätten und ich dich trotzdem liebe und über alles. Und wenn ich so sehr liebe, dass du ehrlich bist und dich nicht versteckst, nie versteckst und sagst, was du denkst. 
Auch wenn ich manchmal nicht mag, was du denkst. 
Und wenn du fragst, Anna, fragst du dann, warum bist du heute so schnippisch? Was ist los mit dir? Bist du traurig? Ist alles in Ordnung?. Und ich dann gemein werde und ehrlich und das ist oft das Selbe. Und ich dir sage, dass alles in Ordnung ist, dass ich nur deine Fragen nicht mag. Und du dann sagst Aber ich habe oft solche Fragen gestellt, und da haben sie dich doch noch nicht genervt? Und ich sage, doch, das haben sie und schon lange. Sei froh, sage ich, und hasse mich selber dafür, dann freu dich doch, dass ich damals so tolerant war.
Und dann überraschst du mich und sagst Diesen Streit, den wir jetzt haben, den hätten wir nicht, wenn du bei mir wärst.
Und ich glaube fast, dass du Recht hast, denn du fehlst mir und das tut weh. Und Wunden machen ungerecht. Und egal woher sie kommen, egal wer Schuld ist, es ist mir egal. Und ich will keine Schuld und keinen Streit, nur dich an meiner Seite. Und nicht, dass du auflegst und weggehst, einfach so. Und das tut weh und diese Wunden. Die machen mich ungerecht und ich teile den Schmerz, mit jedem, der ihn nicht verdient hat. Und ich hasse und hasse und hasse mich dafür. Und das Telefon in meiner Hand. Und dann rufe ich nicht an. Weil du nicht Ich liebe dich gesagt hast, weil ich wütend bin und rase und zerstöre, was immer ich berühre. Weil ich nur zu dir will, zu dir und nicht ertrage, wenn du sagst, ich würde dich nicht vermissen. Weil ich nicht glauben will, dass du das denkst und dir nicht glaube und dir doch immer glauben will, dich immer ernst nehmen will und manchmal dennoch lache, innerlich. Nicht vor Freude, sondern weil das alles so absurd ist. Weil ich dich doch liebe und du mich doch liebst, und damit doch klar ist, wer wen nicht vergessen wird.
Und du fehlst mir, und ich rufe nicht an. Und ich vermisse dich und deine Stimme noch immer in meinem Kopf. Gleich neben dem Klingeln letzter Nacht. Das Telefon an meinem Ohr, obwohl du schon lange aufgelegt hast.
Ja, aber wenn ich dir auch fehle, sagst du, warum rufst du mich dann nicht einfach an?
Und ich, ich weiß es auch nicht.

Freitag, 20. Mai 2011

Freitag und Vater.

Vorhin bin ich in die Stadt gefahren, wie jeden Freitag.
Um einen Kaffee zu trinken, mit meiner Mutter, wie jeden Freitag.
Und dann standest du an der Haltestelle, und das war neu.
Und dann fällt es mir wieder ein.
Du bist ja hier.

Du hast dich überhaupt nicht verändert.
Dein Bowlingkugelkopf klebt an meiner Schädelinnenseite.
Der Kopf wird kahler, aber der Blick ist noch genau derselbe.
Und selbst das himmelblaue Hemd sieht an dir 
nur dreckig aus und heuchlerisch.
Alles an dir widert mich an.

Das Verstecken war umsonst.
Das Fliehen und Rennen,
das Laufen, um dir zu entkommen,
all das, worfür ich in den letzten Tagen gekämpft habe.
All das war umsonst.

Stehst du an der Haltestelle.

Die Bahn hält. Ich hoffe, du hast mich nicht gesehen.
Und ich drehe mich nicht um.
Und auf einmal ist da nur noch Angst.
Ich drehe mich nicht um.
Angst.

Und ich fange an zu laufen und fühle mich 
auch nach drei Seitenstraßen nicht sicher.
Du bist in dieser Stadt.
Wo könnte ich da noch sicher sein?

Ich esse. Bin also gesund, nun.

"Nimm das Essen als deine Medizin!"
haben sie immer
und immer
wieder gesagt.
Aber hat es je irgendetwas geheilt?