Mittwoch, 28. September 2011

Wer schickt mir Sonne?

Eine Sonnenblume sieht vorsichtig durch den Schlitz des Briefkastens. Gehüllt in braunes Papier. Es lag kein Zettel dabei. Kein Name, keine Erklärung. Wortlos, unerklärlich. Nur das Sonnengelb der Blume. Und der starke, grüne Stengel. Kraftvoll, mühelos. Der Sommer ist noch nicht vorbei. Er ist in jedem dieser Blütenblätter. Eingefangen, aufgefangen. Keine Briefmarke. Es kann nicht lange her sein. Du musst vor meiner Tür gestanden haben. Als ich nichtsahnend in der Küche saß. Den Rücken zum Fenster. Den Tee in meiner Hand. So wortlos. Eine Sonnenblume. So leuchtend gelb. Wie warme Sonnenstrahlen in das Grau dieser Stadt. In mein Dunkel. Und wärmen mich bis unter die Haut.
Wortlos. Unerklärlich. Wer? Wer schickt mir Sonnenstrahlen?

Erstgespräch

"Sie haben viel Stärke in sich. Sie haben eine Anorexie überstanden, darauf können sie stolz sein. Glauben Sie mir, Sie können auch das schaffen. Wenn ich Ihnen das noch mitgeben darf: Glauben Sie an sich."

Montag, 26. September 2011

deinen Blick im Nacken
in den Händen mein Herz
und es war nackt bis auf die Worte
vorsichtig, zögerlich

bis deine sanft geschwungenen
innerlich verbitterten
risslos und doch zerrütteten
Lippen

zertraten, als ob es Füße wären
im Marschschritt deine Armeen
ich stehe unbewaffnet
zerreißt ein Schuss
die Stille, meine Rippenbögen

sie knirschen und knistern
beim Bersten wie Eis

Freitag, 23. September 2011

"The clouds methought would open and show riches
Ready to drop upon me, that when I waked
I cried to dream again."
Caliban in The Tempest - Shakespeare, Act III Scene 3
Heute war mein erstes Gespräch.
Es werden noch viele folgen.
Ich habe ein gutes Gefühl.
Ich sehe einen Weg.
Hoffnung.

Donnerstag, 22. September 2011

In meiner Welt allein.

Ich bin in die Stadt gegangen. Ein wenig geflohen, ein wenig gerannt, ein wenig hin- und ein wenig weggesehen. Und bin blind und taub durch die Straßen gewandert. Und bin manchmal fast gestolpert, fast gefallen, ja, manchmal bin ich so entsetzlich wackelig durch und durch. Von den Beinen bis in die Gedanken hinein. Dann bin ich über den weiten Platz und unter der Sonne hindurch getaucht. In das Meer aus Gesichtern und habe mein eigenes dabei wohl verloren. Dann über die Schienen, dann über die Straße, dann unter dem Bogen. Und ich bin geflohen, gehend, wegsehend, wegwehend. Und bin nur zum Luftholen in der Kabine kurz wieder aufgetaucht. Rot, Violett und Blau, das waren nie meine Farben. Und übrig bleibt nur das Schwarz und das Weiß. In meiner Hand, an meiner Haut, in meiner Welt. Und mein Gesicht war so blass, im Spiegel habe ich es kaum erkannt. Dann raus, dann weiter, ohne Ziel, aber mit Musik. Und deinen Worten im Ohr, egal wie laut, sie waren immer lauter, immer lauter, immer weiter. Wie Wasser in der hohlen Hand. Wie Wasser. Und meine Hand ausgestreckt, eingefaltet, am Ende immer leer. Wie Wasser. In einer anderen Welt. Wo man nichts retten kann. Ich bin wie Wasser. Wie Wasser. Wo ist mein Meer? Und die Stille. Und die Distanz. Die Stille. Zwischen mir. In mir. Zwischen mir. Und dir. Und der Welt. In manchen Momenten ist das fast unsichtbar. Die Stille. Unerbitterlich. Eisern. Und in anderen ahnt man, das hinter der Wand nichts besser ist. Aus Glas nur, es ist nur Glas, nur Glas, nur Glas .. . Ich will schreien, so laut und dieser Schrei, der soll bis in deine Welt. In die Welt der anderen. Diese stillen Nächte. Die Stille und die Weite. Der Schrei soll all die Wände durchbrechen. Ich will sie alle niederreißen. Jedes Glas, jede Wand und diese unendliche Leere. Ich will durch all dieses Weiß. Zu mir, zu dir, zur Welt. Und meine Tränen spiegeln sich in dem Glas. Ich seh dich verschwommen. Dich festhalten, dich irgendwie in dieser Welt halten. Und ich sehe mich um. Gesichter, Menschen, Fragen, Münder, Lippen. Augen, Wind, geschlossen, Meer. Wie Wasser. Nur wohin? Versickernd, verlaufen, verschwommen. Verrinnend. Mein Schrei erstickt. Kein Ton über diese Lippen aus Eis. Über diese Gletscher. Über mich. Kein Ton. Ich renne und renne. Kein Ton. Kein Ton durch diese Stille.

Mittwoch, 21. September 2011

And if the perfect spring is waiting somewhere - just take me there.

"Into these twisted months I plunge without a light to follow
but I swear that I would follow anything,
just get me out of here."
Bright Eyes - If Winter Ends

Dienstag, 20. September 2011

Zittergedankengewitter.

In mir ist es unruhig. Ich sehe raus, ich sehe auf meine Hand. Draußen wehen Blätter, hier drinnen meine Finger. Unruhig hin und her, auf und ab. Einen Satz zu schreiben kostet höchste Anstrengung und mindestens vier oder fünf Anläufe.  Irgendwo in meiner Brust ist irgendetwas, oder vielmehr ist nichts. Meine Hand zittert, mein Herz zittert, ich zittere. Ganz leicht nur, fast unmerklich. Nicht zu übersehen. Mein Fuß wankt unschlüssig auf und ab. Auf den Beinen stehe ich nur ganz wackelig. Es geht mir nicht schlecht. Es geht mir nicht gut. Mein Kopf ist ganz voll. Und eigentlich ganz leer. Ich zittere. Innerlich. Äußerlich.

"Anna, deine Hand zittert."
"Oh, was, oh, stimmt."
"Anna, ist alles in Ordnung?"
"Ja, sicher, wieso?"
"Weil du so unruhig bist."
"Bin ich das?"
"Dein Bein."

Ich zittere. Das waren deine Worte gewesen. Und ich habe den Tee in meiner Hand gehalten. Und getrunken. Und mich leise abgewendet. Ganz stumm habe ich in meinen Tee geblickt. Und du in deinen. Und dann hast du mich angesehen. Und ich habe mein Bein angesehen. Habe versucht es still zu halten. Und mit einer Hand ist es doch wieder passiert. Dann hatte ich Blut an den Fingern. Denn ganz unmerklich, so ganz unmerklich habe ich wieder fast Verheiltes aufgekratzt. Heute bist du nicht da. Heute zittere ich allein. Und denke an deine Worte. Ganz leise. Ganz sacht. Und wie ich versucht habe, es zu verbergen. Und es nicht geschafft habe. Nicht einmal einen Abend lang. Und du hast mich angesehen, ganz mitleidig. Und ich, ich habe gezittert. Mit abgewandtem Gesicht. Und habe meine Haare über meine Augen fallen lassen. Und den Schatten über meinen Mund.

"Anna, ich würde dir gerne helfen. Und wenn du mal wieder Zeit hast, ehrlich, ich freue mich. Ich bin so erleichtert, dich endlich mal wieder zu sehen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich habe schließlich drei Wochen lang nichts von dir gehört."

Ich zittere. Ich zittere. Meine Knochen schlagen aneinander. Klackern leise über die Tastatur. Mein Herz pocht atemlos. Die Gelenke knarzen leise. Leise und stetig. Mein Fuß hält nicht still. Ich halte ihn still. Halte mich still. Atemlos. Zittere ich innerlich weiter. Kann nicht sagen. Nicht sagen. Ist das Angst? Ist das Stille? Weiß nicht. Ich weiß nicht. Ich merke nur. So unruhig. Gedanken kaum zu fassen. Springen. Von Ort zu Ort. Sehnsucht. Und dann ein Zucken. Nur dieses Ziehen. Sehnsucht. Ich bin unruhig. Nicht mehr und nicht weniger. Und das so sehr, dass es fast wehtut. Aber es geht mir nicht schlecht. Ich würde nur gerne wieder atmen. Luft holen. Doch dazu komme ich nicht.

"Wie ist es eigentlich für dich, unterwegs zu sein?"
"Inwiefern?"
"Jetzt, wie geht es dir?"
"Ich weiß nicht. .. Ich bin.. unruhig. Es ist schwer. Es ist anstrengend."
"Was ist anstrengend?"
"Ich.. ich weiß nicht."

Meine Hand. Wandernd, taumelnd, stolpernd. Meine Gedanken mehr Blitze als Worte, als Sätze, als Texte, als Sinn. Zitternd, wie ich. Das Loch in mir ist wieder da. Heute ganz groß. Kurz unter dem Herzen. Kurz über dem Bauch, auf den ich hören soll. Eingeklemmt irgendwo zwischen den Lungenflügeln. Antreibend, forttreibend. Sehnsucht. Atemlos, Atemnot, Stillstand. Ich zittere. Ich zittere. Ganz plumb meine Finger. Ich schnappe nach Luft. Mit den geöffneten Händen fast mehr als mit dem Mund. Unzusammenhängend. Mein Bein schlägt auf und ab. Mein Knie zittert. Zittert. Ich zittere. 

"Du siehst heute wieder so schick aus. Ach, das sieht so schön aus, ehrlich. Ich freue mich so, dich endlich mal wieder zu sehen. Ach, Mensch, du siehst fabelhaft aus!" 

Meine Lippen fest geschlossen. Mein Gesicht bedeckt. Noch immer traue ich mich nicht ungeschminkt aus dem Haus. Das Loch weitet sich. Zieht sich wieder zusammen. Zieht mich zusammen. Ich habe vergessen, wie man weint. Ich schnappe nach Luft. Mein Gesicht verzerrt sich, verirrt sich in seltsamen Masken. Ich starre in den Spiegel mit meinen leeren Augen. Und den blassen, schmalen Lippen. Tag für Tag werde ich weißer. Wird meine Haut kahler. Manchmal habe ich Angst. Morgens, wenn ich in den Spiegel schaue, manchmal. Weil es so leblos aussieht. Leichenhaft. Und jeden Tag blasser. Ich schlafe. Eigentlich. Ich schlafe. Und wache auf. Und mein Kopf ist schwer. Mein Kopf ist leer. Mein Kopf ist beides. Alles ist manchmal vielleicht einfach zu viel. Dann vergesse ich einfachste Sachen. Dann fallen die Dominosteine, Stück für Stück für Stück. Bis alle Stricke reißen. Marionette. Bruchstücke. Mein Bein zuckt. Schnitt. Leere. Wie taub. Ich sitze. Ganz aufrecht. Und halte den Tee in meinen Händen. Wie heute, wie damals, wie immer. Presse ich die Finger an die Tasse und die Tasse an den Mund. Fahre durch meine Haare. Meine Lippen sind ganz trocken. Meine Haut auch. Spannt so sehr.

"Du schläfst nicht besonders gut, oder?"
"Ich schlafe wieder durch, meistens."
"Ja, aber du schläfst nicht gut,.. oder? Wachst du erholt auf?"
"Ich wache müde auf."
"Man sieht es dir an, weißt du? Morgens, man sieht es dir an, 
wie schwer es ist."

Und ich lächel und nicke. Und ich zittere. Und habe vergessen, wie man weint. Ich japse nur, ganz leise. Nach Träumen und Luft und dir vielleicht. Sehnsucht. Und bin ganz wackelig auf den Beinen. Kann mich kaum halten, schwanke. Ich will nicht. Mein Gesicht krümmt sich wie mein Rücken, so sehr. Meine Haut reißt fast. Sie ist fast wie Papier, so weiß. Irgendetwas fehlt. Farbe, vielleicht. Oder Leben. Oder Tränen. Ich zittere. Wann habe ich das letzte Mal geweint? Gar nicht lange her. Ein paar Tropfen. Erstickte, einsame. Zu irgendeinem Lied in irgendeiner Nacht. Und davor? An irgendeinem Tag zu irgendeinem Bild. Manchmal vor Scham und manchmal vor Hass. Aber immer nur dieses erstickte Krächzen. Bei dem man sich ganz zusammenzieht. Aber nicht zusammenbricht. Bei dem man fast fällt. Aber sich nicht fallen lässt. Irgendwann, irgendwie. Alles verschwimmt. So lange und so allumfassend. Bis nichts bleibt in mir. Außer dem Zittern und dem "Ich weiß es nicht". Tränenlos. Nur noch nach Luft schnappend. Atemlos, Stille, Nichts. Ich zittere. Sehnsucht.

Und dieses Loch in mir, manchmal trägt es deinen Namen.

[Auszüge aus Gesprächen mit M., S., und V.]

Hoffnung und Mirtazapin.

Die letzten Tage waren angenehm.

Gestern bin ich zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten mal wieder Rennen gewesen. Und es war wunderbar. Außerdem will so ein Mielitz-Trikot auch gezeigt werden. Und da das im Normalfall immer wie eine Demontage unseres ersten Torwartes wirkt und das gewiss nicht meine Absicht ist, war der Zeitpunkt natürlich perfekt. 
Nun ja, wie dem auch sei.

Eigentlich wollte ich ja nur mal kundtun, dass es auch gutes aus meinem Leben zu berichten gibt. Insbesondere die letzten zwei, drei Tage. Sicher, das morgendliche Aufwachen hat noch immer etwas von Wiederauferstehung nachdem man von einem Laster überrollt wurde. Die Kopfschmerzen und dass ich mich dann immer erst einmal wie gerädert fühle, das zähle ich aber alles zu den Nebenwirkungen meines Medikamentes. 

Und die andere Wirkung meines Medikamentes sind da schon deutlich angenehmer: Ich schlafe wieder. Die letzte Nacht war wieder eine eher zerstückelte, aber ich habe davor auf eine Reihe von Nächten zurückblicken können, in denen ich relativ zusammenhängend geschlafen habe. Ich wache immer noch manchmal nachts auf. Ja. Schon. Ich habe immernoch manchmal Probleme damit, einzuschlafen. Dennoch ist der Unterschied zu vorher gewaltig. Und seitdem ich das Medikament nehme, habe ich keine Angstattacke mehr gehabt. 

Auch bin ich nicht mehr zitternd und bebend nachts aufgewacht. Es gibt sie noch, die Albträume. Aber sie sind nicht länger mehr als das, als Träume, als Spukgespenste - die enden, wenn man aufwacht. Und das ist so verdammt viel wert. Ich muss nicht mehr nachts meine Beine umklammern, wenn ich plötzlich panische Angst habe. Ich weine mich nicht mehr in den Schlaf. Und ich schalte nicht von Panik geschüttelt das Licht an, aus Angst, wirklich inmitten von Kakerlaken zu sitzen oder von Maden oder ach, was weiß ich alles. Und wenn ich aufwache, dann war es alles nur ein Traum. Nur ein Traum. Und es hallt nicht mehr endlos in mir nach. Ich muss nicht mehr meine Füße umklammern, nur um zu wissen, dass es sie noch gibt. Es ist so viel besser, jetzt.

Und dass ich schlafen konnte, dass ich rennen gehen konnte, dass ich Klavier spielen konnte, dass ich mal wieder seit langem Lesen konnte. Das ist so wundervoll.
Und das musste einfach mal gesagt werden.

Ich bin noch nicht da, aber ich kann den Weg endlich sehen.
Ich bin unterwegs. Und die letzten Tage haben mir gezeigt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und das ist so viel Wert. Ich habe wieder Hoffnung. Nicht fremde, sondern eigene.
Meine ganz persönliche Hoffnung, wiedergefunden. Schön.

Montag, 19. September 2011

"Ich fühle etwas,
das
vielleicht
nicht da ist -

Vielleicht
fühle ich etwas
nicht,
das da ist - "
Flederzombie